Der Weg der Wandlungen – Leseprobe

Auszug aus dem ersten Kapitel „Lugos“ – bis zu Vanessas Ankunft am Stadttor. Der Romantext wurde unverändert aus der Manuskriptvorlage übernommen.

Lugos

Ein Schlund tat sich vor Vanessa auf, der sie zu verschlingen drohte. Er zog sie mit einer unwiderstehlichen Kraft an, die ihren Willen förmlich aufzulösen schien. Sie war nur Geist ohne Körper und schwebte im Nichts, ohne materielle Gestalt, ohne Zeit und Dimensionen, also blieb ihr nichts anderes als ihre mentale Kraft, um sich gegen den Sog zu stemmen. Sie wusste, dass er sie verschlingen und vernichten würde, wenn sie ihm nachgab.

Panisch bot sie ihren ganzen Willen auf, ihr gesamtes Bewusstsein schien zu glühen, und einer Kugel gleich warf sie ihre mentale Kraft dem apokalyptischen Wirbel entgegen. Ganz langsam, regelrecht aufreizend gemächlich und wie in Zeitlupe, verlangsamte sich ihr Fall in die bodenlose Schwärze; Vanessa glitt eine Spur weniger schnell auf sie zu und blieb schließlich sogar stehen, bis sie spürte, wie sie in der Leere über dem Nichts schwebte. Dann glaubte sie, dass der Wirbel etwas von seiner Heftigkeit verloren hatte, einen Hauch weniger schwarz geworden war und sich sogar ein wenig von ihr entfernte. Es fühlte sich an wie jener Tunnelblick, den man unter hohem Fieber verspürt, kurz bevor einen ein Schwächeanfall übermannt, oder als blicke man verkehrt herum durch ein Fernglas. Doch es war kein Fieber und auch kein optischer Effekt: Der Wirbel entfernte sich tatsächlich von ihr, zunächst langsam und gemächlich, dann immer schneller, bis sie in Windeseile zurückflog …

… in ihr eigenes Bewusstsein und mit einem leisen Schrei erwachte.

Schweißgebadet setzte sich Vanessa senkrecht in ihrem Bett auf und atmete heftig, als sei sie mehrere Kilometer gerannt. Sie hatte geschlafen, sie hatte geträumt, es war nur ein Traum gewesen, nichts weiter. Und doch hatte sie einen solchen Traum noch niemals zuvor gehabt. Er war erschreckend real gewesen und fühlte sich selbst jetzt noch so an. Normalerweise verblassten Träume, sobald sie erwachte; eine Art Nebel schob sich vor die Traumrealität und bewahrte sie davor, sich zu sehr in den Schrecken ihrer eigenen Alpträume zu verlieren, wie ein Verband auf den Wunden der Seele. Doch dieses Mal besaß Vanessa keinen solchen Schutz. Nichts bewahrte sie vor der Erinnerung an den Wirbel, der sie um ein Haar nichtexistent gemacht hätte.

Was wäre geschehen, wenn sie nicht gekämpft hätte? Wären ihre Eltern an diesem Morgen verwundert in ihr Zimmer getreten, um sie wachzurütteln, nur um festzustellen, dass dort ein leerer Körper lag, ohne Seele und ohne Geist, der leblose Körper ihrer sechzehnjährigen Tochter, mausetot und ohne irgendein Anzeichen einer körperlichen Verletzung?

Sie zitterte, als hätte sie Schüttelfrost, und die Angst vor dem, was geschehen war, saß ihr noch tief in den Gliedern. Was, wenn es mehr als nur ein Alptraum gewesen war? Oder verlor sie gerade endgültig den Verstand und würde sich in einer Stunde selbst nicht mehr glauben?

Sie musste sich dringend beruhigen und versuchte zunächst, ihren Atem zu kontrollieren. Irgendwo hatte sie kürzlich gelesen, dass man seine Nerven beruhigen konnte, indem man ruhig und gleichmäßig atmete, weil der Körper gewissermaßen auf die eigene Ruhe hereinfiel, wenn man nur so tat, als sei man ruhig. Also zwang sie sich zu regelmäßigen, tiefen Atemzügen. Es war nicht leicht, doch allmählich gelang es ihr.

Bald saß sie auf ihrem Bett, umgeben von dem Bettzeug mit den romantischen Pferdemotiven, das sie so mochte, und gekleidet in ihren rosa Schlafanzug, den sie zwar kindisch und kitschig fand, aber trotzdem liebte. Ihre hüftlangen braunen Haare, auf die sie so stolz war, hingen als verfilzte Matte um ihren Körper wie ein Umhang, in dem sie sich verbergen konnte. Dort saß sie und atmete tief und regelmäßig, bis ihr plötzlich der absurde Vergleich mit einer Schwangerschaftsvorbereitung in den Sinn kam und sie hysterisch kichern musste, während ihr gleichzeitig die Tränen aus den Augen schossen.

Aber immerhin war sie jetzt wieder ruhiger. Die Angst saß noch tief in ihr, doch sie konnte das Geschehene mit einer gewissen abgestumpften Gelassenheit betrachten. Was half es schon? Im Augenblick konnte sie ohnehin nichts daran ändern, also beschloss sie, den Tag so normal wie möglich zu beginnen.

Noch ein wenig schlaftrunken erhob sie sich und ging unter die Dusche. Das würde sie wach machen und vielleicht auf andere Gedanken bringen. Im Haus war es für diese Tageszeit ungewöhnlich still, und als sie auf die Uhr über der Badtür schaute, stellte sie fest, dass es bereits kurz nach neun war. Seltsam. Wo mochten ihre Eltern und ihre Schwester sein?

Eine halbe Stunde später kam sie aus dem Bad, nachdem es ihr mit einiger Mühe gelungen war, aus der widerspenstigen Haarmatte zwei Zöpfe zu flechten, und zog sich ihre braune Lederhose an, die sie sich vor einem halben Jahr gegen den Widerstand ihrer Mutter gekauft hatte. Sie liebte dieses Kleidungsstück, weil es kultig und unweiblich aussah und ihr, wie sie fand, ausgesprochen gut stand; außerdem schadete es einer Lederhose nicht, wenn sie ein paar Macken abbekam, sondern ließ sie höchstens noch ein wenig taffer aussehen.

Als sie fertig war, ging sie hinunter, doch noch immer hörte sie niemanden und keiner begegnete ihr. Die Erklärung für die ungewöhnliche Stille fand sie auf dem Esstisch:

„Papa und ich sind schon früh einkaufen gegangen. Vielleicht vermeiden wir so den Ansturm auf die Supermärkte, immerhin ist morgen Ostern. Grüße und Küsse, Mama.“

Vanessa stöhnte genervt. Ausgerechnet heute, wo ihre Stimmung nicht besonders war, hätte sie jemanden zum Reden gebrauchen können. Andererseits wünschte sie sich morgens recht häufig einen verständnisvollen Gesprächspartner, nur um sich spätestens nach den ersten Bissen ihres Frühstücks danach zu sehnen, sämtliche Familienmitglieder würden sich auf der Stelle in Luft auflösen oder zumindest von plötzlicher Stummheit geschlagen. Besonders die aufgesetzte Familienfröhlichkeit ihrer Mutter und ihrer Schwester Sabine konnte sie kaum ertragen; manchmal hatte sie das Gefühl, von all den Floskeln und Belanglosigkeiten regelrecht erdrückt zu werden. Wie sollte sie ihr müdes Gehirn auf die Anstrengungen eines Schulalltags vorbereiten, wenn es schon am Frühstückstisch durch Flachheiten in Watte gepackt wurde?

Sie bereitete sich ein Müsli und aß gedankenverloren, während ihr Blick irgendwo in der Luft hing. Danach stand sie eine Weile unschlüssig herum und überlegte, was sie mit diesem Tag anfangen sollte, bis sie schließlich nach draußen sah.

Es war warm und sonnig, und nach mehr als einer Woche Regen verspürte sie plötzlich den Drang, hinauszugehen und die klare, saubere Luft zu genießen. Das Licht war grell und kontrastreich, fast so sehr, dass es in den Augen wehtat; über den Gärten spannte sich ein tiefblauer Himmel, während die Ligusterbüsche und Thujahecken, ebenso wie die Bäume des Waldes hinter dem Haus, in einem besonders satten Grün leuchteten.

Ihr Blick fiel auf den Langbogen und den Köcher. Sollte sie in den Schießverein gehen und ein wenig üben? Im nächsten Monat standen Prüfungen und Meisterschaften an, und es konnte nicht schaden, an ihren Fertigkeiten zu feilen, doch sie hatte in dieser Woche bereits zwei ganze Abende im Verein verbracht und heute keine rechte Lust dazu. Sie könnte stattdessen Flocke ausreiten, ihr Pflegepferd auf dem Gestüt ihrer Großtante im nächsten Ort. Vanessa war vor drei Jahren bei seiner Geburt dabei gewesen und fuhr im Schnitt jeden zweiten Tag zu ihm; wenn man einmal von den formellen Besitzverhältnissen absah, betrachtete sie Flocke längst als ihr eigenes Pferd.

Aber auch dazu hatte sie heute keine Lust. Sie blieb am Fenster stehen und blickte sehnsüchtig hinaus, bis sie plötzlich lächelte, zur Garderobe ging und ihre Reitstiefel anzog, die sie auch gerne trug, wenn sie nicht reiten wollte. Als sie vor die Tür trat, blendete sie für einen Moment das grelle Licht, dann nahm sie wie befreit, wenn auch noch immer mit einem leichten Schwindelgefühl im Kopf, den Duft und die Stimmen des Spätfrühlings in sich auf.

Sie warf ihre Zöpfe hinter sich und schlug zielstrebig einen bestimmten Weg ein, denn es gab einen Ort, der für einen Tag wie diesen wie geschaffen war. Abgeschieden und menschenleer lag am Rande des Waldes, von Gebüsch umsäumt, eine Wiese im Sonnenschein, die für Vanessa einen ganz besonderen Zauber besaß, den sie jedes Mal aufs Neue spürte, wenn sie dorthin kam.

Saftig grün, leuchtend und voller bunter Blumen breitete sich die Wiese vor ihr aus, während Schmetterlinge über die Grasähren schwebten, Libellen hin und her huschten und ein Orchester von Vögeln die Luft mit seinem Gesang erfüllte. Das Gras reichte Vanessa bis zum Bauch, und unter ihren Füßen spürte sie den feuchten, weichen Boden, der sich in der wärmenden Sonne langsam erwärmte und seinen erdigen Duft verströmte.

Noch immer mit einem eigenartigen Schwindelgefühl im Kopf betrat sie die Wiese und blieb einen Moment stehen. Sie schloss die Augen und streckte das Gesicht der warmen Sonne entgegen. Wie angenehm es war, nach der langen, klammen Regenzeit endlich wieder Wärme und Licht auf der Haut zu spüren. Das war einer jener Momente, für die sie glaubte zu leben, und sie wünschte sich, solche Augenblicke könnten ewig dauern. Sie fühlte sich eins mit der Zeit und der Welt, losgelöst von allem Irdischen und Menschlichen, als glitte sie dahin und streifte dabei die Fesseln des Alltags ab.

Sie legte sich ins Gras, vergaß immer mehr von dem, was sie umgab, und fühlte sich schließlich eins mit der Natur, zufrieden damit, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Sinnierend stellte sie sich vor, es gäbe einen Geist der Natur, ein höheres Bewusstsein, das alles Lebendige miteinander verband, und für einen Moment glaubte sie dieses Bewusstsein durch sich hindurchdringen zu spüren. Sie nahm die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht wahr, den Wind, der über die Wiese strich, die Feuchtigkeit des Bodens und hin und wieder das Kitzeln eines Insekts, das über ihre Haut krabbelte. Immer mehr verlor sie sich in diesem Gefühl, Teil ihrer Umgebung zu sein, bis sie plötzlich bemerkte, dass etwas nicht stimmte.

Das Kitzeln war verschwunden, ebenso der Wind und das feuchte Gras unter ihrem Körper. Als sie die Augen öffnete, schien sich die Welt um sie herum zu drehen, durchzogen von undeutlichen Nebeln und Wirbeln, während gleichzeitig jedes Gefühl dafür verloren ging, ob sie noch auf der Wiese lag oder sich überhaupt noch irgendwo befand. Sie spürte keinen Druck auf der Haut, keinen Lufthauch und nicht einmal mehr das Pulsieren ihres eigenen Blutes. Ob sie lag, stand oder saß, konnte sie nicht sagen; es gab kein Oben und kein Unten mehr und keinen Anhaltspunkt, an dem sie sich selbst und ihren Platz in der Welt hätte festmachen können.

Was ist denn los? Wo bin ich? Sterbe ich?

Die Gedanken schienen von außen auf sie einzudringen, obwohl sie wusste, dass es ihre eigenen waren. Sie wollte schreien, doch dazu hätte sie einen Mund gebraucht, und auch die Vorstellung eines eigenen Körpers schien keinen Sinn mehr zu ergeben. Schließlich zogen sich die Wirbel und Nebel zurück, und an ihre Stelle trat eine unendliche Leere.

Der Schlund.

Der Mahlstrom aus Nichts, von dem sie geträumt hatte.

Das durfte nicht sein. Hatte er sie am Ende doch erwischt und nur den Augenblick abgewartet, in dem sie besonders angreifbar war? Wie naiv war sie gewesen, zu glauben, es habe sich lediglich um einen Alptraum gehandelt. Doch nun war es zu spät. Wieder hatte sie das Gefühl zu fallen, tiefer und tiefer hinabgezogen zu werden – oder hinauf, oder hinein. Ohne einen Körper und ohne Raum hatten selbst diese Begriffe ihre Bedeutung verloren.

Vanessa verlor das Bewusstsein.

Als sie wieder zu sich kam, geschah es langsam und allmählich, als flössen ihre Lebensgeister erst nach und nach in ihren Körper zurück. Sie öffnete die Augen, das Erste, was sie überhaupt wieder bewegen konnte, und betrachtete benommen die Blätter über sich, die sich im Wind bewegten. Ihr war schlecht, und sie fühlte sich vollkommen kraftlos, doch nach und nach kehrten ihre übrigen Sinne zurück. Vogelstimmen drangen aus dem Wald an ihre Ohren, das Gras kitzelte unter ihren Händen, und sie spürte, wie die klamme Feuchtigkeit des Bodens allmählich durch ihre Kleidung zog.

Etwas jedoch stimmte nicht.

Sie konnte nicht mit dem Finger darauf deuten, aber die Welt fühlte sich seltsam an, irgendwie falsch. Hatte sie noch vor einer Viertelstunde über die kontrastreiche Intensität der Farben gestaunt, so schimmerte nun alles, was sie erblickte, unwirklich, wie durch einen kaum wahrnehmbaren Nebel, der stets am Rande ihres Gesichtsfeldes waberte, oder als blicke sie durch ein unmittelbar vor die Augen gehaltenes Gazetuch. Vielleicht hatten sich auf einmal ihre Sinne erweitert, sodass sie nun Reize wahrnahm, für die sie bisher unempfindlich gewesen war? Gras war nicht mehr einfach Gras, sondern ein weicher Teppich aus filigranen Fasern, jede besetzt mit unzähligen winzigen Härchen; sie nahm die Blätter der Bäume einzeln wahr, glaubte jede Pore, jede ausgefranste oder von Insekten angeknabberte Stelle erkennen zu können, und die Risse in der Rinde eines jeden Stammes schienen sich zu einem surrealistischen Muster zusammenzufügen.

Mit aufgerissenen Augen bestaunte sie diese veränderte Welt und setzte sich auf, sobald sie genügend Kraft gesammelt hatte. Dabei entdeckte sie neben sich ein Kraut mit eigenartig gefiederten Blättern, pflückte es und drehte es verwundert zwischen den Fingern.

Seltsam. Dieses Kraut war ihr völlig unbekannt. Vanessa kannte sich mit Pflanzen aus, denn Botanik gehörte zu ihren größten Interessen, und sie hatte vor, nach dem Abitur entweder Gärtnerin zu werden oder vielleicht doch Biologie mit Schwerpunkt Botanik zu studieren; so ganz schlüssig war sie sich darüber noch nicht. Aber mit Pflanzen konnte ihr so schnell niemand etwas vormachen. Als sie eines der Blätter zwischen den Fingern zerrieb, entströmte ihm ein lieblich-würziger Duft, den sie ebenfalls nicht kannte. Sie schüttelte den Kopf. Dieses Kraut durfte es ihres Wissens nach nicht geben.

Als sie sich genauer umschaute, überkam sie ein mulmiges Gefühl. Auch der Wald, an dessen Rand sie lag, hatte sich verändert, und das lag nicht an ihrer vermeintlich verbesserten Wahrnehmung. Aussehen und Anordnung der Bäume waren auf eine subtile Weise anders als zuvor.

Dabei war sie so oft hier gewesen, dass sie jeden Baum schon persönlich kannte.

Mit leicht zitternden Händen suchte sie zwischen den Grashalmen, bis sie einen Flecken Moos fand, pflückte ein Büschelchen und betrachtete es genau. Eindeutig ein Lebermoos. Es war in Stängel und Blätter gegliedert, aber die Blätter hätten keine Mittelrippe haben dürfen. Fast kam es ihr wie der stumme Trotz eines kleinen Gewächses vor, das sich vorgenommen hatte, ihre botanischen Kenntnisse zu sabotieren.

Abrupt schnellte sie in die Höhe, schwankte einen Augenblick, weil es ihr schwarz vor Augen wurde, und hastete dann zu den mannshohen Büschen. Sie hätte geschworen, dass hier Liguster wuchs, doch irgendetwas daran war falsch. Die Blätter waren spiralig angeordnet, obwohl sie gegenständig hätten sein müssen, und auch die Blüten schimmerten eher gelblich als weiß. Vanessa biss sich auf die Lippe, um deren Zittern zu unterdrücken. Die Pflanze sah beinahe wie Liguster aus, aber sie war keiner, und was auch immer sie stattdessen vor sich hatte, sie wusste genau, dass an diesem Ort nichts dergleichen wuchs.

Sie ballte die Hände zu Fäusten und bahnte sich einen Weg durch die Büsche, während ihr Herz bis zum Hals schlug. Als sie zwischen ihnen ins Freie trat, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Vor ihr erstreckte sich eine weite Ebene.

Vanessa stand auf einer leichten Anhöhe und spürte, wie ihr trotz des klaren, tiefblauen Himmels und des warmen Sonnenscheins plötzlich kalt wurde. Etwa eine Stunde Fußmarsch entfernt lag eine Stadt, umgeben von Mauern und Gräben. Türme erhoben sich über der Befestigung, Fahnen wehten darauf im Wind, und winzige Gestalten in stählernen Rüstungen schienen von dort aus die Umgebung zu beobachten. Mehrere gewaltige Stadttore durchbrachen die Mauern, hölzerne Zugbrücken führten über den Graben, und hinter den Befestigungen drängten sich graue und braune Häuser mit roten und strohgelben Dächern. Von der Stadt aus verliefen unbefestigte Straßen durch die Ebene und verloren sich in der Ferne; darauf bewegten sich Pferdefuhrwerke, Reiter und Fußgänger mit Handkarren, aus dieser Entfernung kaum größer als Spielzeugfiguren. Weiter draußen glaubte Vanessa sogar bewaffnete Reitertrupps zu erkennen.

Eine Filmkulisse?

Für einen Moment erschien ihr das tatsächlich als die vernünftigste Erklärung, doch schon beim Blick auf die Landschaft zerfiel sie wieder. An dieser Stelle hätte überhaupt keine Ebene liegen dürfen, sondern ein Hügelland mit Weinbergen. Niemand konnte für einen Film ganze Hügel abgetragen haben, und erst recht nicht den breiten Fluss angelegt haben, der sich dort unten durch die Ebene zog. Gleichzeitig fehlte alles, was in dieser dicht besiedelten Gegend eigentlich unübersehbar sein musste: Kraftwerke und Überlandleitungen, Schornsteine, Straßen, Autobahnen und die weit verstreute Bebauung.

Nein. Das konnte nur ein Traum sein. Ganz sicher nicht die Wirklichkeit.

Impulsiv lief Vanessa zurück zur Wiese, legte sich genau an die Stelle, an der sie zuvor gelegen hatte, und kniff die Augen zusammen. Sie wartete und versuchte sich zu entspannen, als könne sie auf diese Weise einfach wieder dort aufwachen, wo sie am Morgen aufgewacht war. Schließlich öffnete sie die Augen, doch nichts hatte sich verändert. Verzweifelt kniff sie sich, schlug sich mit den Fäusten gegen den Kopf und versuchte mit aller Gewalt, sich aus diesem vermeintlichen Traum zu reißen, bis sie schließlich entmutigt aufgab.

Sie setzte sich ins Gras. Eigentlich war dies ihre Lieblingswiese, der Ort, an den sie sich zurückzog, weil er sie beruhigte und tröstete, doch was sie umgab, war nur noch ein fremdartiges Gegenstück dazu. Vanessa wusste längst, was sie nicht wahrhaben wollte: Das hier war kein Traum.

Tränen schossen ihr in die Augen, und ihr Kinn begann zu beben. Sie atmete einige Male tief ein, doch der Druck in ihrer Brust schien ihr die Luft abzupressen, und eine Weile saß sie einfach nur da und starrte ins Leere, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Was sollte sie tun? Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr geschehen war, wusste nur, dass sie auf irgendeine unmögliche Weise in eine andere Welt geraten war und offenbar nicht ohne Weiteres zurückkehren konnte.

Aber hier herumzusitzen und zu heulen half ihr erst recht nicht.

Bei Gott, sie war es, die ihrem Reitlehrer regelmäßig davon galoppierte, die dreimal Regionalmeisterin im Bogenschießen geworden war und den eingebildetsten Jungen ihrer Klasse einmal nach Strich und Faden verprügelt hatte. Sollte sie sich ausgerechnet jetzt von dieser Situation einschüchtern lassen?

Zornig wischte Vanessa sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht, sprang auf und biss sich auf die noch immer bebenden Lippen. Wenn sie im Augenblick nicht herausfinden konnte, wie sie hierhergekommen war, musste sie wenigstens herausfinden, wo sie sich befand. Sie schob sich durch die Büsche zurück auf die Anhöhe und machte sich mit vorgerecktem Kinn auf den Weg zu dem nächstgelegenen Tor der fremden Stadt.

Eine Stunde später stand sie davor. Je näher sie gekommen war, desto höher und gewaltiger hatte sich die massive Stadtmauer vor ihr aufgebaut, und nun ging Vanessa über eine hölzerne Zugbrücke auf das gähnende Tor zu, an dessen Rahmen einige Wachen lehnten und gelangweilt die Passanten beobachteten.

Ende der Leseprobe.

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